Unsere vertriebenen Nachbarn

Citizen Scientists erforschten das Leben und Schicksal der jüdischen Bevölkerung Niederösterreichs vor, während und nach der NS-Zeit.

Juden, Leben, Geschichte

Das Projekt auf einen Blick

Wissenschaftsbereich: Geisteswissenschaften
Ort: Zentralraum Niederösterreich
Arbeitsweise: ohne PC/Handy, mit PC/Handy
Ausstattung für Citizen Scientists: Bei persönlicher Teilnahme: keine; bei Online-Teilnahme: PC/Mobile
Tätigkeiten der Citizen Scientists: Idee einbringen, sammeln, analysieren
Zielgruppe: Jugendliche und Erwachsene
Projektlaufzeit: 01.01.2017 - 31.01.2018
Zeitraum zum Mitforschen: 03.02.2017 - 15.11.2017
Zeitaufwand zum Mitforschen: abhängig vom Zugang zu Informationen und vom Engagement der Mitwirkenden

Projektziel

1910 erfasste die Volkszählung in St. Pölten und im Zentralraum Niederösterreich, dem Ein­zugsgebiet der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) St. Pölten, 921 Menschen, die sich als Ju­den bekannten. Von den Nationalsozialisten wurden allerdings auch Personen anderer oder kei­ner Religionszugehörigkeit mit drei jüdischen Großeltern als „jüdisch“ kategorisiert. Sie alle mussten bis Juni 1940 von St. Pölten nach Wien zwangsübersiedeln. Nach den neuesten For­schungsergebnissen wurden 575 Menschen in den Lagern und Ghettos ermordet.

Forschungsthemen waren die vielfältigen Aspekte des christlich-jüdischen Zusammenlebens vor dem Krieg – Nachbarschaft, Freundschaft, Schule, Vereine, Berufs- und Alltagsleben –, die Gewalt im Nationalsozialismus und etwaige Fortsetzungen der Beziehungen nach 1945.

Wie konnte man mitforschen?

Dieses Projekt lud alle Interessierten ein, anhand von privaten Fotos, Dokumenten und Erinne­rungen das Leben und Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Zentralraum Niederösterreich vor, während und nach der NS-Zeit zu erforschen. Die Arbeitsorganisation gliederte sich in zwei öffentliche Veranstaltungen zu Beginn und am Ende sowie sechs offene Workshops. Ins­gesamt nahmen etwa 70 Personen im Alter von 17 bis 83 Jahren teil, darunter auch Nach­kommen jüdischer Familien. Alle Veranstaltungen fanden im katholischen Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten statt, das mit seinem weiten Einzugsgebiet und seiner breiten Ausrichtung unterschiedliche Zielgruppen erschließen und ansprechen konnte.

 

Was passierte mit den Beiträgen der Citizen Scientists?

Die wissenschaftlichen Ergebnisse des Projekts lassen sich in zwei grobe Bereiche einteilen: Einerseits brachten die Teilnehmer/innen Bestände aus ihren Familienarchiven mit, die in ei­nem ersten Schritt identifiziert und digitalisiert wurden, um sie für eine spätere Auswertung zu sichern. Andererseits brachten einige Teilnehmer/innen bereits teilweise erschlossene Bestände mit, deren Reichhaltigkeit und gute Vorbereitung eine intensive Recherche ermöglichte. Be­sonders ertragreich waren der umfangreiche Nachlass einer Familie mit jüdischen Mitgliedern, der auch Sammelgegenstände aus der NS-Zeit enthielt, und das Familienarchiv einer jüdischen Familie aus Wilhelmsburg. Die Beiträge und Ergebnisse wurden bei der Schlussveranstaltung am 9. 11. 2017 im Bildungshaus St. Hippolyt präsentiert und werden unter Wahrung des Da­tenschutzes im virtuellen Memorbuch www.juden-in-st-poelten.at online gestellt.

In den intensiven Diskussionen der Workshops wurde klar, dass noch immer, 80 Jahre nach dem „Anschluss“, je nach Familiengeschichte nicht ohne Belastung und Unsicherheit über die NS-Zeit gesprochen werden kann. Dieser Befund ist im Rahmen der Frage nach Gedächtnis, Erinnerung und Umgang mit der NS-Vergangenheit eine wertvolle Erkenntnis. Das Enga­gement der Projektteilnehmer/innen gab den endgültigen Impuls, ab Oktober 2018 für die Opfer der Shoah an deren letzten Wohnadressen in St. Pölten „Steine der Erinnerung“ zu setzen.

Beteiligte und unterstützende Einrichtungen

Kontakt

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